Das Schulhaus
Zeitzeugenbericht von Johannes Schleich (März 2010):
Wir nannten es liebevoll „unser Schulhaus“. Nahezu 10 Jahre unserer Kinderzeit verlebten wir, mein 2 Jahre älterer Bruder und ich, in diesem Haus in Rothenacker. Im Januar 1918 wurde mein Vater, Karl Schleich dort als Lehrer eingestellt. Sein Vorgänger war meines Wissens der im 1. Weltkrieg gefallene Rudolf Opitz.
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„…ein sehr schönes Heim“, so beschrieb mein Großvater Gotthold Schleich in seinem Tagebuch das Schulhaus. Er, der 32 Jahre als Superintendent in der Bergkirche in Schleiz tätig war, besuchte uns oft und starb 1926 auch in diesem Hause in Rothenacker. Ein großes steinernes Kreuz steht heute noch an der Süd-Ostseite der Kirche in Mißlareuth. Nun habe ich, Johannes Schleich, nur noch wenige Monate bis zur Vollendung meines 95. Lebensjahres und erinnere mich, wenn auch lückenhaft, gern an die Zeit im Schulhaus Rothenacker. Unsere Wohnung im Obergeschoss erschien mir immer geräumig, wurde aber nach und nach etwas eng für 7 Bewohner. Meine Eltern nahmen, vom Pfarrer Roth in Mißlareuth vermittelt, ein elternloses Geschwisterpaar und später noch ein Mädchen auf, das aus der Sorgepflicht ihrer Eltern genommen wurde. Heute bewundere ich noch meine Mutter, wie sie es schaffte, in den so schwierigen Nachkriegsjahren alles Lebensnotwendige heranzuschaffen. Das Gehalt eines Dorfschulmeisters war ja auch nicht gerade üppig. Was nicht vom Bauern zu kaufen war, holte sie mit einem Tragekorb aus Tanna. Wurde irgendwo im Dorf geschlachtet, erhielt natürlich der „Herr Lehrer“ eine Wurst und konnte sich noch einen Krug Wurstsuppe holen. |
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Der Schulbetrieb ist heute kaum noch nachvollziehbar. Auf einem Foto aus dem Jahre 1923 sind 31 Schüler und Schülerinnen verschiedenen Alters zu sehen. Bei meiner Schuleinführung saß nur noch ein weiterer Schulanfänger neben mir. Alle Schulpflichtigen in einem Raum unterzubringen und nach Plan zu lehren, muss doch sehr schwer gewesen sein. Der Unterricht erstreckte sich deshalb über den ganzen Tag. Es standen in 2 Reihen Viererbänke im Raum. Eine Reihe war für die Mädchen, die andere für die Jungs. Wenn ganz vorn die „Kleinen“ beschäftigt wurden, trieben auf den hinteren Bänken die „Großen“ ihre Scherze. So war es nicht einfach für den Lehrer, die Disziplin herzustellen und auch gute Lernergebnisse zu erreichen. Das mussten wir, mein Bruder und ich, sehr spüren, als wir 1927 in die Aufbauschule nach Plauen kamen. Als ich 1922 eingeschult wurde, brauchte ich nur mit der Schiefertafel unter dem Arm die Treppe hinunterlaufen ins Klassenzimmer. Auf dem Lehrerpult, man sagte damals noch Katheder, lag der Rohrstock. Mein Vater brauchte ihn aber nur für die Wandtafel und die Landkarte. Außerdem war der Stock doch auch, wie der weiße Stehkragen, ein Zeichen der Amtswürde. Der Sportunterricht erfolgte auf dem Hof der Schule und bestand aus Dauerlauf und den Klimmzügen am Reck, das dort im Freien stand. Der Schulhof endete am Dorfteich, wohin auch am frühen Morgen die Enten watschelten. Vor dem hinteren Ausgang zum Hof war noch ein kleiner Raum zum Unterbringen von Schulgeräten. Auch eine einfache Toilette für Schulbesucher befand sich hier. |
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Im Tagebuch meines Vaters sind in jedem Jahr Namen und Alter der im Dorf Verstorbenen aufgeführt. Dabei tauchen heute nicht mehr gebräuchliche Bezeichnungen auf, wie z.B. „Auszügler“ (aufs Altenteil zurückgezogen) oder „Tagelöhner“. |
Möchte ich das Schulhaus beschreiben, so fallen mir noch einige Kleinigkeiten ein: Der Balkon am Haus war auch uns ein beliebter Platz. Es stand doch davor ein großer Birnenbaum. Mit dem Spazierstock meines Vaters zogen wir die Äste heran und ließen uns die kleinen, aber leckeren Petersbirnen schmecken. Auf die Treppe im Inneren drang das Licht durch ein ovales Fenster mit buntem Glas. Die 3 Rotdornbäumchen stehen noch heute vor dem Gebäude. Von den hinteren Fenstern konnte man über die saftigen Wiesen hinweg zum „Bühl“ schauen. Dort im dichten Fichtenwald waren immer viele Pfifferlinge und Blaubeeren zu finden. Der Weg ging über kleine Bächlein, dem Einzugsgebiet der Wisenta. Diese Wiesen wurden oftmals zusammen mit dem nahen Mamorbruch genannt, wenn die Gewitter besonders heftig waren. Wir mussten uns dann schnell auf die unteren Stufen der Treppe nahe der Haustüre setzen. Sonntags ging es zum Gottesdienst nach Mißlareuth. Dabei kürzten wir den Weg ab und liefen einen schmalen Steg durch das Gehöft des „gelehrten Bauern“. Das Wissen um diesen berühmten Mann war nicht so umfassend, wie wir es heute kennen. Wir riskierten aber schon einmal einen Blick auf das Wohnhaus, als würde der so kluge Nikolaus Schmidt am Fenster sitzen. Seine Grabstätte auf dem Friedhof in Mißlareuth habe ich als eine Tafel mit Inschrift, eingefasst von einer eisernen Umrahmung in Erinnerung. |
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Nun, nach mehr als 80 Jahren, frage ich mich, ob wohl noch jemand aus Rothenacker sich an diese Schuljahre erinnern kann. In meinem Gedächtnis sind noch ein paar Namen. Da waren ein Herbert Wurzbacher oder ein Junge mit dem Namen Richter, so etwa in meinem Alter. Im Tagebuch des Vaters werden auch Bürgermeister Fickelscher und K. Rauh als Vorsitzender des Gemeindrates genannt. Eine gewisse Unvollständigkeit meiner Erinnerungen wird man wohl verstehen, bedenkt man die vielen vergangenen Jahre. Auch 6 Jahre Krieg und Gefangenschaft haben bei mir ihre Spuren hinterlassen. |
Johannes Schleich
geb. am 26.09.1915 in Schleiz









